Mamadou Diabate - Biografie

in Burkina Faso (1973-1999)

Mamadou Diabate, Jahrgang 1973, kommt aus einer westafrikanischen "Jeli"- (Griot-)Familie in Burkina Faso, wo Musizieren und Geschichtenerzählen seit Menschengedenken als Familienberuf ausgeübt werden.

Er war ca.5 Jahre alt, als seine professionelle Ausbildung begann. Zunächst zu Hause bei seinem Vater Penegue Diabate , der zu Lebzeiten weit über die Grenzen der Sambla-Kultur hinaus als der beste Balafonist galt.  Sein Balafonsolo war mehr als zehn Jahre lang das Signal von Radio Burkina. Später unterrichteten Mamadou seinen älteren Brüdern Sadama und Sibiri,  die als die populärsten Balafonisten der Sambla galten.


Er war 8 Jahre alt, als er anfing, seine Lehrlingsjahre bei namhaften Balafonisten der Nachbarvölker wie Siamou, Tusia, Senufo, Gan, Lobi, Dagara, Bobo zu absolvieren. Von seinem Lehrer in der Tusia Region, Daouda Diabate (1957-2018), hatte er eine einzigartige Virtuosität angeeignet - manche Leute sagen, er habe mehr als zwei Hände. Daouda war der "Großmeister " des hochentwickelten polyphonischen und polymetrischen Balafonspiels. Diese schwierige Technik erlaubt Mamadou in seinen Solo-Konzerten den Eindruck zu erwecken, es würden drei Balafonisten zusammen spielen.


Zu dieser Zeit haben die Jelis ihren vorkolonialen Ruf und Einkommen als Hüter der Tradition, Sprecher der Herrscher und Lehrer deren Kinder schon längst verloren.  Der Direktor der Grundschule hatte Mamadou wiederholt verjagt, weil seine Eltern das Schulgeld nicht bezahlen konnten. Damals beschloss er, eine Schule zu bauen, die für jedermann frei ist - bis auf jenen Schuldirektor ... 

 Mit 11 Jahren - frustriert von seinen Zukunftsperspektiven im Dorf - brannte er durch. Er beschloss, seinen musikalischen Horizont in Bobo Dioulasso (zweitgrößte Stadt und zugleich die musikalische Hauptstadt von Burkina Faso) zu erweitern. Dies geschah allerdings gegen den Willen seiner Eltern, die von ihm die Fortführung der Jeli-Tradition erwarteten. Mit Hilfe der später weltberühmt gewordenen neo-traditionellen Gruppen wie Farafina, Sababugnoma, Frères Coulibaly, lernte er andere Musikinstrumente zu spielen, wie Ngoni (Jägerharfe), Dundun (Basstrommel), Lunga (Talkingdrum) und das wichtigste Instrument des "Bobo-Dioulasso-Stils, die Djembe. Die Versöhnung mit seiner Familie fand 4 Jahre später in 1988 statt, als sein Vater für das Nationale Kulturfestival von Burkina Faso (SNC) einen zweiten Balafonisten suchte und keinen geeigneten fand. Der kleine Rebell Mamadou hatte sich bis dahin zu einem hervorragenden Musiker entwickelt und so haben sie den ersten Preis gewonnen. Die Videoaufnahmen ihres Sieges  sind im Fernseharchiv von Burkina Faso zu finden.

1991 gründete er, zusammen mit Ousmane Dembele ("Zoumana") Moussa Coulibaly und Abdoulaye Dembele, seine erste Band namens "Landaya". Er wurde Komponist und Solobalafonist der Gruppe. 1998, nach sechs Jahren harter Arbeit gewannen sie den ersten Preis des Nationalen Kulturfestivals.

in Österreich (2000-)

Im Jahr 2000 übersiedelte er nach Österreich. Seitdem hat er viel gereist. Außerdem wurde er zu zahlreichen internationalen Festivals eingeladen wie: Glatt & Verkehrt Festival (Österreich), Brosella Festival (Belgien), Masala (Deutschland), 5em continent (Schweiz), Colours of Ostrava (Tschechien), Global Village Festivals (Dänemark), Saalfelden Jazz Festival (Austria), Ingolstadt Jazz Festival (Deutschland), Ice Music Festival (Norwegen), Tanz- & Folkfest' in Rudolstadt (Deutschland), Printemps de Musical (Luxemburg), Afrika Festival Würzburg (Deutschland), Global Village Moscow (Rußland), Rain Forest Festival (Malaysien), Fleur de Niger (Mali), Sunsplash Wiesen (Deutschland), Kasumama (Österreich), Chiala Graz (Österreich), Weltmusik Festival Bielefeld (Deutschland), Afrika Festival Wassertrüderingen (Deutschland), Sufi Sutra (Indien), Jazz à Ouaga (Burkina Faso), Triangle du Balafon (Mali), WOMAD, Africajarc Festival (Frankreich).

 

Bereits im August 2001 schaffte er den internationalen Durchbruch mit seiner CD "Sababu man dogo" (Die kleinste Chance ist groß genug), mit eigenen Kompositionen im beliebten Bobo-Dioulasso Stil, wo er alle Instrumentalparts selbst spielte. Die Präsentation fand Ende Oktober 2001 in ORF1 sowie in Ö1 statt.

 

Seine zweite CD "Keneya" (Wohlbefinden) ist eine Weltpremiere. Die Aufzeichnung mit Musik und  Sprache der Sambla wurde im Mai 2002 veröffentlicht und ist die erste jeglicher Art weltweit. Er musste alle Instrumentalparts selbst spielen, weil er der einzige Sambla in Österreich war. Was Außenseiter für eine äusserst schöne Musik bezeichnen, ist die in Musik umgesetzte gesprochene Sprache der Sambla. Ohne den Mund zu öffnen, können Sambla Balafonisten Geschichten erzählen, über aktuelle Ereignisse berichten, mit den Anwesenden plaudern, Leute verspotten, die sie geärgert haben oder einer hübschen Frau den Hof machen.  Für die Sambla ist dies selbstverständlich. Musiker, die diese Sprache nicht sprechen, können Sambla Musik gar nicht spielen.

 

Zwischen 2002 und 2005 leitete er seine Afro-Jazz-Band „Bekadiya“ angereichert mit klassischen und Jazz-Musikern - wie Achim Tang (Kontrabass), Thomas Berghammer (Trompete, Flügelhorn ), Werner Wurm (Posaune), Shayan Fathi (Schlagzeug), Fatoumata Dembele (Gesang). 2003 veröffentlichten sie die CD "Sira Fila" (Zwei Wege).

Durch die Sababu-CD erhielt Mamadou die Einladung zum Wolfgang Meyerings "Magic Marimba" Projekt fürs "Tanz- & Folkfest " von Rudolstadt / Deutschland im Jahr 2003. Dies war die erste große Herausforderung für Mamadou in Europa. Sieben Musiker aus sechs verschiedenen Ländern, die einander nicht kannten, wurden gebeten, eigene Kompositionen vorbeizubringen und innerhalb von drei Tagen ein komplettes Konzertprogramm einzustudieren. Es gibt eine vom deutschen TV-Sender MDR produzierte, ausgezeichnete 60 minütige VHS-Dokumentation über die Proben und die Konzerte.

 

Februar 2004: Konzert mit der indonesischen Band SambaSunda und Djembe Workshop in Bandung (Indonesien). Sie haben sich in Rudolstadt kennengelernt. Wunderbare Musiker. Mamadou war glücklich, sie 2006 beim Glatt und Verkehrt Festival in Krems / Österreich wiederzusehen.

Seit seiner Ankunft in Österreich kooperiert er mit dem Saxophonisten Sigi Finkel. Zunächst als Mitglied von Sigis "African Heart" Gruppe, dann in einem Duo. Ihre Duo-CD "Folikelaw" (ein Konzertmitschnitt ) wurde in 2005, ihre CD "Yala" in 2010 - vom Österreichischen Rundfunk veröffentlicht. Sigi ist einer der sehr seltenen europäischen Musikern, die es geschafft haben, auf "Sambla-Art" musizieren zu können.

In April 2006 lud Arkady Shilkloper Mamadou und Louis Sanou ein, an seinem "Global Village" -Projekt in Moskau mit Marvin Dillmann, Sergei Starostin, Christophe Schweizer, Stoyan Yankulov und Elitsa Todorova teilzunehmen. Es war eine große Freude für Mamadou, mit diesen hervorragenden Musikern zusammenzuarbeiten.

Mit seinem im Jahr 2006 gegründeten Projekt "Percussion Mania" konzentrierte er sich wieder auf sein westafrikanisches Erbe. Es begann als Trio und wuchs bis zu 7 Personen auf der Bühne - gelegentlich mit Musikern aus anderen Teilen Afrikas oder aus Südamerika erweitert. Die Musikalischen Dialoge und spektakuläre Balafonduelle sind im Zentrum dieser Musik. Es ist weltweit die einzige Band die zwei Balafone als Hauptinstrumente in den Vordergrund stellt. Bisher haben sie die folgenden CDs veröffentlicht:

  1. Kamalenya (2006) ein Trio mit Louis Sanou und Karim Sanou;
  2. Kanuya (2011) mit Studio Percussion Graz, Insingizi, Jon Sass, Wolfgang Puschnig, Silvio Gabriel, Ismael Barrios, Edison Tadeu als Gastmusiker;
  3. Masaba Kan (2014) mit Toumani Diabate, Cheick Tidiane Seck und Kandy Guira als Gastmusiker;
  4. Nakan (2019)

Mit "Kanuya" gewann er den österreichischen World Music Award im Jahr 2011 und im Jahr 2012 den Grand Prix des "Triangle du Balafon" in Sikasso in Mali. Für sein Balafonspiel wurde er dort auch mit dem "Prix Alkaly Camara de la virtuosité" geehrt.

Seit 2008 nimmt er im Trio-Projekt von Wolfgang Puschnig (Alt-Saxophon und Flöte) mit Jon Sass (Tuba) Teil. Sie veröffentlichten die CD "Mutua" im Jahr 2012.

Die Förderung der Sambla, Tusia und Siamou Musiktraditionen ist für Mamadou eine permanente Herzensangelegenheit. Mit seinem Lege-Lege-Foli Projekt im Jahr 2009 bekamen die Europäer die erste Gelegenheit, authentische Sambla und Tusia Musiker in Europa zu hören. Im selben Jahr veröffentlichte er zwei CDs mit ihrer authentischen Musik: die "Sambla Fadenya" und die "Tusia Fadenya".

Jahrelang spielte er mit dem Gedanken, ein Solo Balafon-Album zu veröffentlichen.  Der entscheidende Impuls kam vom kanadischen Pianisten Marc-Andre Hamelin, als er Leopold Godowskys Chopin-Studien für die linke Hand spielte. Mamadou war erstaunt, was alles mit den 5 Fingern einer Hand möglich ist. Er fühlte sich herausgefordert und fing an, intensiv zu experimentieren, um herauszufinden, was mit zwei Zeigefingern (Schlägeln) möglich ist. Das Ergebnis ist seine CD "Fenba" - ein spektakuläres Feuerwerk - die 2010 veröffentlicht wurde. 

2015 und 2016 spielte er Balafon bei Terje Isungset's Ice Music Festival in Geilo / Norwegen. (Es war eiskalt ...) Unglaublich aber wahr: Das Balafon wurde aus Eis gebaut.

Mamadous  CD "Barokan" aus 2015 ist ein Trio Projekt zusammen mit Dramane Dembele auf afrikanischer Flöte und Claudio Spieler am Schlagzeug. Auch Fans der klassischen Kammermusik würden es genießen.

Das  Projekt "Douba Foli" war eine Percussion Mania-Tour mit einer CD-Veröffentlichung im Mai 2016 mit Abdoulaye und Modibo Diabate - zwei beliebte Sänger aus Mali - sowie Wolfgang Puschnig, Sigi Finkel und Jon Sass.

Der brennendste Herzenswunsch für Mamadou seit seiner Kindheit, armen Kindern in Burkina Faso Schulbildung zukommen zu lassen, ging am 14. September 2010 in Erfüllung. Seine Grundschule in Bobo Dioulasso wurde nach 6 Jahren harter Arbeit und mit der großzügigen Hilfe wohlwollender Menschen und Organisationen aus Europa offiziell eröffnet. Heute werden dort über 600 Kinder kostenfrei unterrichtet. Seine Schule war 2019 die siebtbeste unter den 38 Grundschulen von Bobo Dioulasso

2016 wurde er zum Ritter des Nationalen Ordens  (Chevalier de l'Ordre National) von Burkina Faso ernannt

 

Seit 2016 arbeitet er mit Laura McPherson am Dartmouth College (USA) an einem Sprachforschungsprojekt.

 

Siehe auch:  "Die unglaubliche Geschichte von Mamadou Diabate"

     FALTER, Carsten Fastner, 13/2011